Tomb Raider
Tomb Raider

Lara Croft galt einst als Meilenstein am Spielehimmel. Wer erinnert sich nicht an die Playstation Demo Discs, bei denen man einen kleinen Vorgeschmack auf atemberaubende Abenteuer, Waffen und große Oberweite erfahren durfte. Zumindest in ihren ersten Ausflügen konnte Miss Croft nicht nur männliche Spieler und Archeologiemuffel begeistern. Das Novum der Heroine sollte sich allerdings im Laufe der Jahre recht schnell abnutzen, da man Lara Croft, zumindest in ihrem alten Dasein, durchaus attestieren muss, eine Frau des alten Schlages zu sein, das weibliche Gegenstück zu Duke Nukem, der ebenfalls ein Kind der 90er bleibt. Und gerade mit einer stetig wachsenden Konkurrenz im Feld der Powerfrauen, sollte unsere Lara ein karges Dasein fristen, welches sein vorläufiges Ende in einem digital only Produkt namens The Guardian of Light fand. Niemand erinnerte sich mehr an Lara, bis jetzt.

Ganze drei Jahre nach The Guardian of Light beschert uns Crystal Dynamics ein neues, reiferes Lara Croft Abenteuer. Doch von der einstigen Heldin sehen wir zunächst nicht sehr viel altbekanntes. Vielmehr erwartet uns ihre jüngere Ausgabe, 21 Jahre um genau zu sein, die sich dennoch recht gut durchsetzen kann. So begleiten wir sie und den Rest der Endurance-Crew auf eine Expedition in das Drachen-Dreieck. An diesem gottverlassenen Ort begleiten wir Lara Croft auf ihrem Weg zu einer echten Heldin, welche oftmals jedoch mehr Glück als Verstand an den Tag legt.

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Nachdem die Insel mehr schlecht als recht erreicht wurde, wird die Crew voneinander getrennt. Während sich Lara auf die Suche nach ihren Freunden begibt, muss sie zunächst ein Lager aufschlagen um sich von den Strapazen zu erholen und ihre Wunden zu verarzten. Die Insel erweist sich dabei als größer als gedacht. Neben 16 Basislagern zwischen denen man bequem hin und her reisen kann, gibt es zudem noch kleinere Lager in denen ebenso die Fähigkeiten und Waffen verbessert werden können.

Die Erfahrungspunkte für solche Verbesserungen sammelt ihr im Laufe des Spiels. Je nachdem wie ihr eure Gegner vernichtet, wie viele Gegenstände ihr einsammelt oder Tiere ihr ausweidet, umso größer euer Kontingent. Während ihr mit der EP eure Überlebens-, Jagd- und Kampf-Fähigkeiten erhöht, könnt ihr mit Hilfe von Bergungsgut eure Waffen verbessern. Frei nach MacGyver klebt ihr so Magazine aneinander oder ritzt Rillen in Griffe um gegenüber Gegnern einen einen Vorteil im Waffenhandling zu erlangen.

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Alles in allem wechseln sich bei Tomb Raider lineare mit offenen Leveln ab. Gerade bei den Dörfern und Städten gibt es deshalb eine Menge zu entdecken, sammeln und bergen. Dies stellt eine angenehme Abwechslung dar, denn während man sich in manchen Abschnitten in einer riesigen Welt austoben und allerhand entdecken kann, ist es auch mal schön in anderen Level einem vorgegebenen Weg folgen zu können. Ein bisschen der alten Lara steckt auch in der Jungen. Denn hier und da erwarten euch kleine Rätsel, die vielleicht etwas an die alten Spiele erinnern. Außerdem kommen kleinere Quick Time Events zum Einsatz. Ich bin zwar kein großer Freund dieser, da Spiele auch gerne mal nur noch aus solchen bestehen, aber wenn sie wie hier in Maßen statt in Massen eingesetzt werden ist das sogar spielbelebend.

Dieses Mal wird Lara zur Jägerin und zur Gejagten. Unter dem Stichwort, Überleben, schreitet sie durch Wälder und Täler und begegnet dort auch allerhand Getier. Während Rehe, Hasen und Krähen einzig und allein zum verzehren getötet werden, sieht das bei einem Angriff von Wölfen schon anders aus. Hierbei kämpft die Heldin um ihr Leben, kann den Angreifern jedoch recht schnell den Garaus machen. Ab und an erinnert Tomb Raider ein wenig an andere Genre Vertreter. Besonders bei den Kletterpartien und Gräber Erkundungen kamen mir bestimmte Gedanken in den Sinn, was jedoch keinesfalls schlecht ist, da diese Genre Vetreter sehr gut umgesetzt sind. Tomb Raider vereint hier die positiven Dinge aus Assassins Creed und Uncharted.

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Etwas bedauernswert jedoch, dass man bei der deutschen XBox-Version (PS3 und PC verfügen glaube ich darüber) komplett auf die englische Sprachausgabe verzichtet muss und stattdessen die französische vorfindet. Ein Grund dafür könnte sein, das diese es vielleicht aus Platzgründen nicht mehr auf die Disc geschafft hat. Da ich persönlich ein großer Fan vom O-Ton bin und mich auch schon darauf gefreut hatte, hoffe ich mit einem kleinen Augenzwinkern in Richtung Square Enix, dass die englische Tonspur wie schon bei Hitman: Absolution vielleicht noch nachträglich als gratis DLC zur Verfügung gestellt wird. Dies soll jetzt auch kein Kritikpunkt an der deutschen Synchro werden, denn diese ist durchaus gelungen, da jedoch im Original auf das britische Englisch Wert gelegt wurde, macht es das Spielerlebnis noch authentischer. Da unsere Lara eben von einem höheren Stand ist.

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Auch wenn sich die Story als recht traditionell erweist, gerade in Bezug auf das Abenteuer Genre, so schafft es Tomb Raider durch einen gewissen Realismus der Erzählweise, glaubhaft und interessant zu bleiben. Die Handlungen der Figuren sind allesamt ihrem Stand entsprechend real. Dialoge wirken nicht gekünstelt oder auf Möchtegern cool getrimmt. Ein Problem unter welchem gerade in den letzten Jahren immer mehr Spiele leiden, bei ihnen wird das Wort Fuck mittlerweile häufiger benutzt, als man Kugeln abfeuern kann. Hier punktet Miss Croft durch eine, ihrem Stand entsprechende Ausdrucksweise, bei der man Spaß hat, einfach nur zu lauschen.

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Einen Paradigmenwechsel erfährt Tomb Raider nicht zuletzt durch das ummodeln der Story und des Settings. Waren in vorherigen Tomb Raider Titeln ausschliesslich das finden von Schätzen, Hüpfpassagen und eher seichte Sex Sells Ansätze das dominante Bild, so geht das Reboot in die Richtung Survival Abenteuer für Erwachsene. Lara wird als äußerst fragiles Mädchen dargestellt, die innerhalb einer Kausalkette ihre Reife erlangen muss. Da die ohnehin radikalen Feinde nicht nur den Tod von Lara vor Augen haben, gesellt sich eine unterschwellige Angst vor sexuellen Übergriffen zum Überlebenskampf hinzu. In dieser Form hat es bis dato kein Spiel geschafft, durch pure „Was wäre wenn“ Ängste den Spieler mit der Spielfigur leiden zu lassen.

Einer der wesentlichen Punkte, die den Reiz des neuen Tomb Raider ausmachen, sind eben die ganz besonderen kranken Eigenarten der Inselbewohner, die durch bestimmte Umstände zu solchen Soziopathen geworden sind, die scheinbar zu keinen normalen Emotionen mehr in der Lage sind. Da man diese Feinde nur auf Augenhöhe bekämpfen kann, muss man als Lara recht schnell die Weisheit erfahren, dass mehr als nur Dreck an den Händen dazu gehört, um in einem Stück diese Insel zu verlassen. Gerade Laras sehr drastische Tötungsarten, zumindest für ein junges Mädel, könnten selbst dem ein oder anderen volljährigen Spieler etwas zu krass sein. Anders als in den Vorgängern, ist die Gewalt hier nicht als comichafte Relief dargestellt, man kann vielmehr spüren, wie sich der Pfeil oder das Messer in den Rücken bohrt.

Tomb Raider ist endlich ein Produkt, welches den Aspekt Gewalt als probates Mittel mit Eleganz und dem gewissen Etwas präsentieren kann. Zwar ein Stilbruch zu vorherigen Abenteuern unserer Heldin, aber gerade dadurch prädestiniert dazu ein neues Kapitel in Sachen Qualität zu schreiben.

Miguel Bethke
Chefredakteur, Vogelspinnenhalter mit Vorliebe für Strategie sowie Japano Spiele. Mag japanisches Essen und fiebert Fallout 4 entgegen.

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