Enemy
Enemy

Es gibt Spielegenres, die für sich betrachtet hervorragend sind und diverse Klassiker zu Tage gebracht haben. Oftmals versuchen Entwickler, besonders beliebte Genres miteinander zu kombinieren und nicht selten scheitern diese Versuche kläglich. Die Gründe des Scheiterns liegen häufig im Unverständnis über die Spielmechanik oder weil zwei Genres von Natur aus inkompatibel zueinander sind. Wenn es dann ein Indieentwickler dennoch schafft, ein Spiel zu konzipieren, dass Genres verbindet und spielerisch sehr gut umgesetzt wurde, darf man sich freuen. Enemy ist so ein Titel.

ss_be077eb6ab198c691149b55f5296ab1f558c791e.600x338

In Enemy betreten wir die digitale Welt als ein Kind, das auserkoren ist, ein großes Königreich von seinen garstigen Besetzern zu befreien. Um dieses Ziel erreichen zu können, heisst es Feinde töten, Experience Points sammeln und ganz nebenbei eine Welt zu Kleinholz zu verarbeiten.

Was sich auf den ersten Blick als Standard “Held rettet die Welt” Szenario anhört, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als eine humorvolle und taktisch ausgeklügelte Spielerfahrung. Denn das große Geheimnis liegt im Aufbau der Welt. Alles ist zerstörbar und kann dadurch zum eigenen Vorteil genutzt werden. Verschanzen sich Gegner in einem Haus, kann man natürlich den Routineweg einschlagen und durch die Tür das Gebäude betreten. Ist man allerdings clever, bemerkt man einen dezent hinter dem Haus platzierten Baum mit Schlagseite. Jetzt ein paar Schüsse aus der Pistole und der Baum stürzt in das Haus und erschlägt die Feinde.

ss_4e3787b8437567d5b798379986e8ca56f312b80c.600x338

Alternativ könnte man auch die Wand kaputtschiessen und so jeden Gegner aus der Reserve locken, oder das Hausdach zum Einsturz bringen. Diese Entscheidungen machen allerdings nur einen sehr kleinen Teil des Spiels aus. Durch die vollständig zerstörbare Umgebung entwickelt sich keine Spielsession wie die andere. Für einen Indietitel, der mit geringem Budget realisiert wurde, ist das eine ziemlich bemerkenswerte Leistung. Alles, das ist wörtlich gemeint, kann miteinander interagieren. Hierbei sollte man allerdings auch die Frage stellen, wieso manche AAA-Titel genau das nicht hinbekommen.

Das Spielprinzip ähnelt dem der Ur-Xcom Titel, die langsam mal einen digitalen Release benötigen. Man steuert eine oder mehrere Figuren, die gewisse Aktionspunkte haben, die auf verschiedene Handlungen gelegt werden können. Zum Beispiel schiessen oder fliehen. Ziel ist es, Feinde per effizientem ausloten der Möglichkeiten unschädlich zu machen. Hierbei ist zu beachten, dass man sich kaum bis keine Fehler leisten darf, denn der Permadeath steht schon mit gewetzter Sense bereit, um den Spieler für falsche Aktionen zu bestrafen. Was dem Spiel hier zu Gute kommt, ist das sehr dynamische Kampfsystem. Man kann sich sehr rasch bewegen und auch der Gegner führt seine Züge direkt aus. So entsteht ein Eindruck von flüssigem Spiel ohne rundenbasierendes Kampfsystem.

138f78a0c9d3f222c6c111c911b49f81_original

Auch im Kampf ist die Umwelt in Enemy wieder der heimliche Star des Spiels. Sucht man sich Deckung, kann diese zerschossen werden oder in Brand gesteckt werden, was suboptimal für die Lebenserwartung ist. Auch kann man sich jederzeit eine Deckung basteln, wenn man Gegenstände oder Gebäude unter Beschuss nimmt. Hier ist die einzige Grenze die eigene Kreativität oder die Motivation, wie weit man gehen will.

Auch wenn nicht jeder ein Freund des Permadeth ist, so macht in Enemy das ändern und anpassen von taktischen Überlegungen eine Menge Spaß und wird niemals wirklich langweilig. Ebenfalls nicht langweilig ist der Humor, der sich auf der Metaebene abspielt und in diversen Situationen bestimmte Videospielfiguren sowie deren Klischees gekonnt aufs Korn nimmt. Rollenspielelemente finden sich ebenfalls in Enemy wieder. Den eigenen Charakter kann man bis zur bitteren Neige durchstylen und mit Attributen versehen. Diesen sehr speziellen Tiefgang ist man bis dato nur von Hochglanzrollenspielen gewohnt.

ss_23e6eed968a0c275c43c2ca308b39d5e8590dc08.1920x1080

Was etwas sauer aufstösst, ist die Grafik und der Sound. Während die Minecraft Optik natürlich reine Geschmackssache ist, mir sagt sie subjektiv einfach nicht zu, ist der Sound unter Fahrstuhlmusik zu verbuchen. Man hätte auch gut und gerne darauf verzichten können.

Enemy ist ein Spiel, das man unbedingt gespielt haben sollte, sofern man die urigen X-Com Spiele mochte und/oder ein großer Fan der Final Fantasy Tactics Reihe ist.

Miguel Bethke
Chefredakteur, Vogelspinnenhalter mit Vorliebe für Strategie sowie Japano Spiele. Mag japanisches Essen und fiebert Fallout 4 entgegen.

Kennwort verloren