Brink
Brink

Brink hatte so niemand wirklich auf dem Schirm. Zumindest niemand, der sich nicht mit Freerunning oder Parcours (schreibt man das so?) beschäftigt. Splash Damage nahm sich nun diesem Missstand an und kredenzt uns eine Mischung aus Team Fortress und Mirrors Edge, die sich sehen lassen kann.

Kommen wir als erstes zu unserer Alibi Story, die natürlich einen Konflikt rechtfertigen muss. Das sogenannte Ark (könnte auch die Ark sein) ist der Traum eines jeden Zukunftsvisionärs. Keinerlei Umweltverschmutzung und ein autarkes System welches einer Auswahl an Menschen als Unterschlupf dient. Ursprünglich ein elitärer Rückzugsort für die gehobene Schicht, wurde dieser Umstand durch Naturkatastrophen und Missgunst jäh beendet. Die einstmals geringe Population wuchs durch den Zustrom an Flüchtlingen derart an, dass die Ressourcen nun karger wurden und die Menschen dementsprechend aggressiver; mögen sich die Tankstellen jetzt noch an ihren 1,60 Euro pro Liter Super Benzin erfreuen. So bildeten sich schnell zwei Fraktionen in diesem Konflikt; die Sicherheit und der Widerstand. Während die Sicherheit der Spielball der Reichen ist, handelt es sich bei der Widerstandsbewegung um einen Zusammenschluss aus sozial geächteten. Dass Diplomatie bei einem solchen Konflikt keinen hohen Stellenwert hat, sollte klar sein.

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Brink ist ein sehr komplexes Spiel. Nicht nur im Bezug auf Charaktervariablen, sondern auch im Spielgeschehen selber. Zu Beginn hat man die Wahl, für welche Fraktion man sich entscheiden will, um deren Storyline zu spielen. Jede Fraktion verfügt über acht reguläre Story Maps und zwei „Was wäre wenn“ Episoden, die man spielen kann. Diese 16 Story Maps sind im Grunde nur acht Maps in Spiegelform, da man fraktionsbedingt genau das erlebt, was man vorher verändern wollte und vice versa. Als Beispiel sei hier die Geiselbefreiungsmission genannt. Spielt man auf der einen Seite, muss man diese Geisel zu einem Boot eskortieren, spielt man dagegen die gegnerische Fraktion, so muss man die Geisel und die Eskorte mit allem was zur Verfügung steht aufhalten. Vom Umfang her leider recht mager, da zum Beispiel die Aussenbereiche sehr gelungen sind und Potential für mehr Interaktion geboten hätten.

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Auf diesen Maps gibt es allerdings nicht nur Primärziele zu erfüllen wie „Zerstören sie den Safe“ oder „Beschützen sie den Kran“. Es gibt noch diverse sekundäre Ziele, die auf die verschiedenen Charakterklassen zugeschnitten sind. Insgesamt existieren vier Klassen, die für beide Fraktionen identisch sind. Die erste Klasse stellt den regulären Soldaten dar, der praktisch ein Allrounder ist, der mit Maschinengewehr und Molotow Cocktail für Stimmung sorgt. Die zweite Klasse ist der Agent, der über die Fähigkeit verfügt, Computerterminals zu hacken und sich Command and Conquer Agent like als Feind verkleiden kann. Leider hat man hier keine lustige Kölsche Stimme die einem sagt „Jet klar Schef“. Als dritte Klasse darf man sich in die Kampfmontur eines Technikers werfen, der sämtliche Maschinen sowie stationäre MG Nester und dergleichen übernehmen kann, oder ein Basisterminal hijacken kann. Als letzte Klasse gibt es den Sanitäter, der sich zwar unspektakulär anhört, aber im Kampf selber essentiell wichtig ist. Der Sanitäter kann gefallene Teammates mit einer Spritze wieder ins Leben holen, oder während des Gefechts einen Lebensenergie Buff auf andere Spieler anwenden, die bedrohlich nahe am Tod sind.

Alleine diese vier Klassen mit ihren abertausend spielerischen Möglichkeiten sollten schon für zahlreiche Spielrunden garantieren. Allerdings ging man im Hause Splash Damage noch ein kleines Stückchen weiter und präsentiert uns einen Charakter Editor den ein normal sterblicher Mensch zu Lebzeiten nicht komplett ausreizen kann. Es gibt zahlreiche Modifikationen für Waffen sowie das Aussehen des Charakters und dessen spezielle Fähigkeiten. Dazu gesellt sich noch ein besonderer Editor, bei dem man entscheiden kann welche „Gewichtsklasse“ man einnimmt. Schwer oder leicht mit den damit verbundenen Vor- sowie Nachteilen. Die Schwere Klasse kann zum Beispiel fröhlich mit der Gatling Gun durch die Gegen holzen, während man in der leichten Klasse als Freerunner den Projektilen recht gut ausweichen kann.

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Ähnlich umfangreich kommen auch die spielerischen Möglichen zur Geltung. Bei Brink steht der Begriff Teamplay ganz weit vorne. Dies sollte man ausnahmsweise auch als Drohung verstehen, denn man kann die Mission als gescheitert betrachten, sobald man einen Pausenclown im Team hat, der Brink mit Call of Duty im Multiplayer verwechselt. Nach vorne preschen ohne Support führt unweigerlich zum Tod und zu fluchenden und wütenden Mitspielern. Hier kann ich ganz kurz meine erste Online Erfahrung präsentieren, bei der ich scheinbar in das inkompetenteste Team jenseits des Äquators gesteckt wurde. Die Ausgangssituation : Wir müssen einen Sprengsatz an einer Tür beschützen, der nach 30 Sekunden hoch geht um uns durch zu lassen. Der normale Taktiker würde sich jetzt vor der Türe positionieren und die Gegner präzise im Team aufs Korn nehmen, damit diese nicht die Bombe entschärfen. Allerdings nicht mein Team, denn nachdem ich mich schön in Position gestellt hatte, streunerten alle fein in verschiedene Himmelsrichtungen und ließen sich abknallen wie Moorhühner. Ich konnte dann noch drei Gegner mitnehmen, bevor mich dann der Rest des generischen Teams einfach überrannt hatte und als Resultat die Bombe entschärfte. Ich glaube ich habe in meinem Leben noch nie so oft geflucht wie in dieser Situation. Daher muss man bei Brink ganz klar sagen, jemand der mit Multiplayer nichts am Hut hat, sollte einen weiten Bogen um das Spiel machen.

Vom restlichen betrachtet, hat Brink einen unglaublichen Charme, dem man sich nach einer gewissen Anfreundungsphase fast nicht mehr entziehen kann. Denn selbst wenn man nur mit Bots spielt, fällt direkt auf, dass diese abartig raffiniert und clever sind. Sie stellen sich in die korrekten Verteidigungspositionen und sind im Vergleich zu anderen Spielen durchaus als KI brauchbar. Für den Mehrwert von Brink spricht auch das Level Up System. Hier kann man durch Erfahrungspunkte diverse Stufen aufsteigen und mehr und mehr Waffen freispielen oder Customisation Komponenten für das Aussehen des Spielers. Als kleines Tutorial bietet Brink einen sogenannten Aufgaben Modus, bei dem man spieltypische Situationen durchläuft und diese unter Zeitdruck absolvieren muss. Als Belohnung gibt es hier Prestige Punkte und Waffen.

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Größtes Problem von Brink ist der geringe Umfang. Es gibt insgesamt zehn verschiedene Maps, die von langweilig bis atmosphärisch reichen. Das ist definitiv nicht ausreichend, hier hätte man noch mindestens die gleiche Anzahl nochmals drauf packen müssen. Bei der Grafik sollte man auch nicht von Eye Candy sprechen, denn hier steht Gameplay vor Optik. Was aber negativ auffällt, dass es keine englische Sprache auf die Disc geschafft hat. Dazu eine kleine Anekdote. Die Redaktions Xbox360 Geräte sind bei uns allen auf Englisch gestellt, beim ersten einlegen von Brink wird dann allerdings nicht die deutsche Synchronisationsfassung automatisch als Ersatz gewählt, sondern man wird mit einem fröhlichen „Appuyez Start“ begrüsst. Hier genügt es dann einfach die Konsole wieder auf die deutsche Einstellung zu setzen um sich nicht darüber zu ärgern, im Französischunterricht damals nicht aufgepasst zu haben.

Brink ein kleiner Geheimtipp.

Miguel Bethke
Chefredakteur, Vogelspinnenhalter mit Vorliebe für Strategie sowie Japano Spiele. Mag japanisches Essen und fiebert Fallout 4 entgegen.

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